In die Öffentlichkeit trauen sich Politiker in der Regel nur dann, wenn sie an Wahlkampfständen oder in beliebten TV-Sendungen um Wählerstimmen kämpfen. Dass es sich dabei meist nur um kurzfristige Mittel zum Zweck handelt, verärgert die Bürger. Es überrascht nicht, dass die Deutschen über ihre Politiker meckern und häufig kritisieren, dass es kaum Möglichkeiten gibt, in einen echten Dialog mit ihnen zu treten.
Doch der Boom der sozialen Netzwerke zwingt auch die etablierten Parteien, sich mit den Möglichkeiten des Internets auseinanderzusetzen. Und siehe da: Plötzlich ist er gewünscht, der Kontakt zum Volk. Hinzu kommt der Erfolg der Piratenpartei, einer Generation von jungen Menschen, die es verstanden hat, das Kommunikationspotential des Internets für sich zu nutzen. Wer da weder altbacken wirken noch den Anschluss verpassen will, muss bereit sein, neue Wege zu gehen.
Einer davon heißt Twitter und ermöglicht es den Abgeordneten und Ministern politisches Tagesgeschehen zu kommentieren. Jeder Bürger, der selbst auf Twitter aktiv ist, kann die Politiker anschreiben. Nicht selten entsteht dabei auch ein kurzer Dialog. Am spannendsten wird es, wenn sich Politiker untereinander einen kleinen Schlagabtausch auf Twitter liefern.
Ein bisschen wie Fluch der Karibik
So hat der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, dieser Tage die politische Situation im Saarland kritisch kommentiert: «Gabriel schließt Rot-Grün-Rot aus und hält die Tür zur Großen Koalition sperrangelweit auf. Kämpfen für Rot-Grün geht anders!» Die Antwort der politischen Gegner ließ nicht lange auf sich warten. Diese kam vom stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion Hubertus Heil: «Im Saarland solltet Ihr gemerkt haben, dass Jamaika für Euch und das Land der Fluch der Karibik ist.» Becks Konter: «Für SPD war die Große Koalition im Bund nicht gerade ein Jungbrunnen, aber Ihr sammelt Große Koalitionen wie andere Muscheln.»
Auseinandersetzungen wie diese sind keine Seltenheit. Jeder Twitternutzer kann lesen, worüber und wie politische Gegner auf Twitter über Koalitionen und Co. streiten. Insgesamt interessieren sich etwa 18.600 Leute für das, was Beck Tag für Tag in die digitale Welt schickt. Heil scharrt etwa 13.600 Anhänger hinter sich. Wer beide Politiker auf Twitter verfolgt, darf also mit bester Unterhaltung rechnen.
Erst seit September 2011 auf Twitter unterwegs ist Peter Altmaier, der Geschäftsführer der CDU/CSU. Mittlerweile lesen ihn regelmäßig etwa 6900 Twitterer. Selbst zu heißen Themen wie der Wulff-Affäre, dem Umgang mit den Journalistenfragen und den Antworten des Bundespräsidenten trägt Altmaier seine Meinung ins Internet: «Wünsche mir, dass Christian seine Anwälte an die Leine legt und die Fragen/Antworten ins Netz stellt», schrieb er auf Twitter. Damit traf Altmaier zwar den Nagel auf den Kopf, wie ihm die Mehrheit seiner Parteikollegen versicherten, bekam jedoch auch Ärger, weil er den Bundespräsidenten beim Vornamen nannte.
Soziale Netzwerke – Allheilmittel gegen die Politikverdrossenheit?
Es ist ein schwieriger Spagat, die politische Rolle und die der Privatperson glaubwürdig und authentisch ins Internet zu transportieren. Wem das gelingt, der erzielt Nähe. Und das ist es, was der Politik abhanden gekommen ist. Die Bevölkerung will sich wieder verstanden fühlen und spüren, dass sie Teil einer Demokratie ist. Dann geht sie auch zurück an die Wahlurne.
Soziale Netzwerke wie Twitter sind vielleicht nicht das Allheilmittel gegen die zunehmende Politikverdrossenheit. Aber sie können helfen, Dialoge aufzubauen, die in dieser unkomplizierten Form noch vor wenigen Jahren nicht möglich waren. Einige Politiker verraten im Internet sogar Geheimnisse aus Kindheit und Jugend oder schreiben über ihre Hobbies und das Lieblingsessen. Manch einem mag das vielleicht zu viel des Guten sein. Und doch hilft diese ungewohnte Offenheit dabei, das allzu staatstragende und volksfremde Bild eines Politikers den Wählern gegenüber zu korrigieren.
Jemand, der die sonst so starre und von Politkern gepflegte Sprache der aufgebrauchten Worthülsen durchbricht, ist die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband. «Verschiedene, legitime Meinungen gegeneinander zu diskutieren ist besser als Sex», heißt es in einem ihrer letzten Twitternachrichten. Die 24-Jährige hat es verstanden, die Politik ihrer Partei rund um die Uhr zu kommunizieren. Dabei wird es nie langweilig: Offen, streitfreudig und fair lässt sich Weisband auf Diskussionen mit anderen Twitterern ein.
Ist Twitter so wichtig wie Wasser und Strom?
Auf Twitter hatte Weisband längst angedeutet, was dieser Tage offiziell vermeldet wurde: Die charismatische Hoffnungsträgerin der Piraten wird sich kein weiteres Mal als Kandidatin für den Bundesvorstand aufstellen lassen. Als Grund gibt sie gesundheitliche Probleme an. Schon auf Twitter hatte sie das in den vergangenen Tagen angedeutet.
Auch das: Eine Form von Nähe, die Weisband gegenüber ihren mehr als 17.800 Lesern auf Twitter aufrecht erhält. Peter Altmaier beantwortete den Grund für seine Twitteraktivitäten damit, dass das mittlerweile «so notwendig wie ein Anschluss für Wasser und Strom» sei. So hoch ist der Stellenwert der sozialen Netzwerke für den politischen Diskurs dann doch nicht. Aber Twitter und Co. zeigen, dass es sich lohnt, wenn Politiker lernen, sich zu überwinden und das Internet als Ort der Kommunikation verstehen und nutzen.
Quelle:
News – Politik News – Politiker auf Twitter – «Besser als Sex»
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