In Berlin prallen Welten aufeinander!

f2anim.gifIch dachte ja schon immer, dass ich nur so denke, dass ich so was im Leben erlebte, aber es ergeht auch anderen so. Wie ich mit freundlicher Genehmigung des Autors, Roberto Manteufel, schreiben (kopieren) darf. Er hat in der aktuellen Ausgabe der Siegessäule – Queer in Berlin einen Beitrag geschrieben, der mir schon fast die Worte aus dem Mund nimmt. Er schreibt das, was man sicher oft erlebt und es zeigt sich somit, dass die meisten ohne das Internet nicht mehr leben können. Eigentlich ist es traurig, dass es so ist, aber ändern wird man dieses auch nicht können.

Hier nun von Roberto Manteufel der besagte Artikel. 1:1 aus der Siegessäule entnommen und die Genehmigung bekommen! Danke Lieber Roberto.

In Berlin prallen Welten aufeinander

Ich hatte gekocht. Wer mich kennt, weiß, dass dies schon fast unter Sensation läuft. Okay, es war jetzt nichts Besonderes, einfach Nudeln mit Soße. Aber immerhin, ich hatte gekocht, und zwar nicht nur für mich allein.

Es klingelte. Ingo, ein guter Freund, mein Gast. Wir gingen in mein Zimmer, plauderten so „Na, wie geht’s“, und er erzählte mir gleich von einem Jungen, den er letzte Woche kennen gelernt hatte. Ein ganz toller. Ich setze mich an meinem Computer, um Musik anzumachen, als von Ingo die Frage kam: „Kann ich mal an deinem Computer? Dann zeig ich ihn dir.“

„Aber nicht so lang. Das Essen.“ „Klar.“ Ich glaubte ihm und rückte ein Stück zur Seite. Fünf Sekunden später war Ingo bei GayRomeo eingeloggt und murmelte: „Hmh, nur vier neue Nachrichten, hmh, nix dabei, hmh …“

„Der Junge?“, fragte ich vorsichtig. Ingos Gesicht hellte sich auf. „Ja, natürlich!“

Nach ein paar Mausklicks prangte das Bildnis eines 20-jährigen Bürschchens auf meinen Bildschirm, freier Oberkörper, lasziv lächelnd, süß. „Er ist neu in der Stadt“, erklärte mir Ingo. „Wir hatten eine ganz tolle Nacht zusammen. Aber wir haben uns seitdem nicht mehr gesehen. Doch das kann was werden, denn …“

„Denn?“, wollte ich wissen. Ingos Gesicht verdunkelte sich schlagartig. „Er hat immer noch ´Sexdate´ aktiviert!“ – „Was erwartest du denn?“, fragte ich.

„Okay, klar, aber wir haben doch ganz viele gemeinsame Freunde und er ist doch süß.“ Ein weiteres Foto des Süßen wurde präsentiert. Wieder Schlafzimmerblick. „Na, das ist jetzt nicht ganz so toll.“ Das nächste Foto. „Schon wesentlich besser.“ Ich nickte und sagte: „Ich hole dann mal das Essen.“

„Warte!“ Ingos Finger schnellten erneut über die Tastatur. Nun begrüßte uns sein Myspace-Profil (Hmh, keine neuen Einträge“) und kurz darauf das des Jungen. Hier war er angezogen. Ingo scrollte nach unten, wo die Freunde aufgelistet sind. „Siehst du, den kennen wir gemeinsam und den und den. Ob ich ihm kurz mal eine Nachricht sende?“

Ich kannte keinen. „Du, das Essen“, meinte ich.

„Warte!“ Ehe ich Einspruch erheben konnte, war Ingo schon bei Studivz.de gelandet. Wieder die beiden Profile, bedeckte Oberkörper und: „Den kennen wir gemeinsam und den und den … Ah, da will mich jemand gruscheln. Da muss ich natürlich sofort …“ „Und dein realer Freund muss Nahrung in sein leibliches Profil führen!“ Ich schaute Ingo ernst an. Er guckte entgeistert. Wahrscheinlich fiel ihm gerade ein, dass er noch nicht bei xing.com, couchsurfing.org, schuelervz.de und facebook.com war, von second-life.com ganz zu schweigen.

Tja, lieber Roberto, bleibt nun die Frage: Bist du zu deinem Essen mit Ingo gekommen? War das Essen noch warm oder schon kalt? Und was machen die beiden nun? Sind sie ein glückliches Paar nach einer Nacht geworden. (Ich denke mal nein.)

Dir noch mal Danke gesagt, das ich deine Worte veröffentlichen durfte. Es wird sicher einigen so gehen. Daher ist es immer gut wenn man keinen anderen an den Rechner lässt. *grins* Und demnächst kannst mich dann zum Essen einladen, ich brauche deinen Rechner nicht.

Quelle: Siegessäule – Queer in Berlin, Artikel Seite 129 – queer studies

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